

Das Design der Deauville:
Im ansonsten von Selbstgleichheit geprägten mechanischen Bereich des Maschinen- und Fahrzeugbaus folgt es einer organischen Ästhetik.

Das Design der Deauville:
Eine von Selbstähnlichkeit statt mechanischer Gleichheit geprägte Variation des Themas Dreieck und Rundungen.

Die Flächen sind rundlich gewölbt, die Kanten und Falze folgen einer gebogenen Linienführung, und: Dreiecke, wohin das Auge blickt. In ihren Winkeln sind sie abgerundet, und keines gleicht dem anderen - der große Luftauslass in der Seitenverkleidung, der Sturzbügel-Wing in der Draufsicht wie in der Seitenansicht, die Knieausbuchtung, die Aussparung vor dem Koffer, die Aussparung im vorderen Schutzblech... Selbst die Bremsscheiben und die Soziusfußrasten-Halter zeigen dreieckige Aussparungen – bei der NTV waren letztere noch rund.
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Ebenso findet sich das Dreieck in vielen Flächen und Funktionseinheiten – im kleinen Verkleidungshöcker am Sitzbankschloss, in Vorder- und Unterkante der Sitzbank, im Höcker zwischen Fahrer- und Soziussitzfläche, in der Vorder- und Unterkante des Seitendeckels, in der seitlichen Tankfläche zwischen Honda-Wing und Knieausbuchtung, im Scheinwerfer, in der Scheinwerfer/Windschutzscheiben-Einheit, im vorderen Blinker, in der kleinen Fläche hinter dem Blinker, in der großen Fläche um den Deauville-Logo Aufkleber. Im Deauville-Logo selbst, und sicher nicht zufällig! Sogar in der Kofferform, die ja weder rund noch eckig, aber aus abgerundeten Dreiecken zusammen gesetzt vorstellbar ist… Der geneigte Betrachter möge selbst weiter nach diesen Elementen suchen, am besten an einem leibhaftigen Exemplar des Motorrades!

Vergleich - Abgrenzung
Von den im Folgenden abgebildeten Motorrädern aus lässt sich gut die Eigenständigkeit des Deauville-Designs zeigen.
Die ersten drei Motorräder sind durch gerade Linien in Fahrtrichtung geduckt, was Dynamik/Sportlichkeit erzeugen soll. Die nächsten drei sind durch rundlichere Linien in Fahrtrichtung geduckt, in derselben Absicht. Dieses Ducken ist als Designmerkmal sehr weit vom Deauville-Design entfernt, welches Dynamik zurückhaltender und auf subtilere Weise erzeugt. Einzig die TDM zeigt durch die gebogenen Bumerangformen und vor allem durch ihre Eigenständigkeit, durch ihre Distanz vom Mainstream, eine Verwandtschaft zum Deauville-Design.
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Die letzten sechs Motorräder sind vom Design her eher lang gestreckt, was einem Tourer grundsätzlich gut zu Gesicht steht. In diese stärker durch die Horizontale und weniger durch die Diagonale geprägte Kategorie würde auch die Deauville hinein gehören. Bei diesen sechs Motorrädern ist das Element des Kontrastes stärker vertreten, das vorher nur bei der R 1150 RS im Nebeneinander von leicht rundlicher Form und Linienführung bei gleichzeitigen geraden, parallelen Farblinien aufgetreten ist. Die Kontrastwirkung wird bei diesen letzten sechs Motorrädern - anders als bei der Deauville - durch das Nebeneinander-Setzen kontrastierender Elemente erzeugt. In diesem Sinne könnte man von einem komplexen Design sprechen, während bei den ersten sechs Motorrädern das Simplex-Design vorherrscht.
Die Hayabusa realisiert das auf großflächiger Ebene durch den Kontrast von lang gestreckter, tendenziell symmetrischer Form einerseits und in Fahrtrichtung geduckter Farbgebung andererseits. Bei Trophy, STX (Pan) und LT gibt es ein detaillierteres Nebeneinander von kontrastierenden Elementen. Trophy: runder und eckiger Lufteinlass, gerade vergitterter, runder Luftauslass. Pan: Dreiecke, Trapeze, Tropfenform, in unterschiedlichen Winkeln hintereinander gesetzt (Sturzbügel-Wing bis Kofferunterseite); rund- und spitzwinkliges Entlüftungsdreieck findet Fortsetzung in viereckigem Tankausschnitt usw. Gegenüber dem Deauville-Design wirkt das als recht hilfloser Versuch, zuviel Selbstgleichheit zu vermeiden und stattdessen Selbstähnlichkeit herzustellen. Etwas böser gesagt: ein mechanischer Versuch, organisches Design herzustellen. LT: gerade, gebogene und S-förmige Linien, Mischung aus rundlichen und fast New-Edge-Flächen, aufeinander prallende unterschiedliche Winkel (seitliche Luftauslässe). Grundsätzlich verfolgt das komplexe Design mit Kontrast-Elementen auch das Ziel, Dynamik herzustellen. Bei der RS und der Hayabusa gelungen, bei der neuen Pan mit Abstrichen.
Deauville
Das Dauville-Design befindet sich demgegenüber gewissermaßen auf einem anderen Stern. Es lebt von einem Grundgedanken, der zwei kontrastierende Elemente integriert. Das schnöde Nebeneinander-Setzen kontrastierender Elemente lässt es weit hinter sich. Es ist vielmehr bereits in seinem Grundgedanken die Synthese eines Kontrasts. Dreieck und Rundungen. Dreieck mit abgerundeten Ecken. Bereits mit diesem Herzstück transzendiert das Deauville-Design das Simplex- und das Komplex-Design hin zum organischen Design. Seine tatsächliche Ausprägung findet dieses organische Design darin, dass der eine Grundgedanke nun wie ein genetischer Bauplan alle Formen des Motorrads erzeugt, hervorbringt, Flächen, Funktionseinheiten, Aussparungen, in ständiger individueller Variation, wie bei einem Lebewesen: kein Dreieck gleicht dem anderen, jedes unterscheidet sich in Größe, Seitenlängen- und Winkelverhältnissen von den anderen. Organische Selbstähnlichkeit statt mechanischer Selbstgleichheit.
Dieses gleichsam organische Wachsen bringt sehr sinnliche, geradezu üppige Formen hervor – die geschwungene Knieausbuchtung, die Wölbung über dem seitlichen Lufteinlass, der große dreieckige Luftauslass/Sturzbügelwing-Verbund: Formen wie bei einer schönen Frau. Nicht vergessen werden darf aber, dass all diese organischen Formen bis ins Detail der Funktion folgen – nicht zuletzt just dies ist Merkmal eines organischen Designs! (Auch in der Natur steht keine Form einfach nur für sich.)
Der gerade erwähnte Luftauslass/Sturzbügelwing-Verbund ist ja ein Honda-Tourer Familien-Design Element, auch ein Stück weit eine „Wolfgang-Werdecker-Signatur“. Gegenüber der PC 800, der ST 1100 Pan European und der neuen Pan transzendiert dieses Element bei der Deauville jedoch – buchstäblich – in eine neue Dimension. Stellt man sich vor, aus dem Luftauslass schiene Licht hervor, so folgt der Sturzbügelwing der Licht-Schatten-Grenze, wie sie sich auf einer horizontalen Ebene abzeichnen würde. Mit anderen Worten: Das durch das aus dem Motorraum herausführende Luftleit“blech“ selbst bereits zum Dreidimensionalen tendierende vertikale Dreieck des seitlichen Luftauslasses projiziert sich in die Horizontale, in eine andere Dimension. Das ist genial, ob das dem Designer nun bewusst war oder nicht. Es ist gleichsam die Offenbarung des zugrunde liegenden organischen Prinzips: Ich reproduziere mich selbst nach meinem Muster, ich erschaffe ein mir selbst ähnliches Wesen und transzendiere mich damit.
Dieser Geniestreich ist einer der sinnlichsten Aspekte und der optische Schwerpunkt des Deauville-Designs, der der Design-Eigenständigkeit der Deauville die Krone aufsetzt.

Dynamik erzeugt das Deauville-Design durch das organische Prinzip selbst, und durch die sinnlichen Formen, die es hervor bringt. Zuletzt aber noch ein Blick auf zwei auf subtile Weise Dynamik und Kontrast stiftende Details. Die in Fahrtrichtung geduckte Dreiecks-Aussparung vor dem Koffer – Diagonale vorne unten nach hinten oben; und der genannte große seitliche Luftauslass, wo das aus dem Motorraum herausführende Luftleit“blech“ bereits im Stand strömenden Fahrtwind suggeriert, und zwar leicht abwärts, dem Luftleitblech folgend – Diagonale von vorne oben nach hinten unten. In den gegenläufigen Diagonalen liegt der Kontrast, der seinerseits etwas bewirkt: er zieht den Betrachter optisch in die entstehende Mulde, die ihrerseits eine Entsprechung im Dreieck des unteren Seitendeckelrandes hat, er zieht den Betrachter mitten in das Motorrad hinein – auf den Fahrersitz.
Chapeau.
Die Deauville ist eine Skulptur auf Rädern.
Friedrich von der Linden
* Der Designer der Honda NT 650 V Deauville ist Wolfgang Werdecker, Assistant Manager der Motorcycle Design Group bei Honda Research & Development Europe (Deutschland) GmbH.
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