Sonntag/Montag: Von Svolvær nach Reine

Nach Süden kreuzen...

Es soll nach Südwesten gehen: Die Moskenesøya lockt uns an Land, und auf dem Wasser zieht uns der Moskenstraumen in seinen Bann. Dummerweise gibt es nur wenig Wind, und der kommt (natürlich) aus der falschen Richtung: Südwest. Zwei Tage und eine helle Nacht lang kreuzen wir im Vestfjord durch Regen und Sonne, bis wir am Montag abend in Reine festmachen können.

Am Sonntag kurz nach 7 Uhr: Aufstehen nach einer guten Nacht. Mit Freude entdecke ich auf dem Frühstücktsisch Brunost! Später folgt die Sicherheitseinweisung (Jochen: "Der größte Feind des Seemanns ist die Küste!"), Wasser bunkern, Einteilung der Wachen. Wir werden während der Lofoten-Woche jeweils 4 Stunden Wache und dann 8 Stunden frei haben, die erste Einteilung der Trollwache geht von 12 bis 4 Uhr.

11 Uhr: Leinen los in Svolvær. Das Tuckern des Diesels, die Schiffsbewegungen und die bei der Ausfahrt aus dem Hafen gesetzten Segel bringen uns endgültig in Stimmung. Endlich geht es los! Es ist bewölkt, einzelne Schauer lösen sich zwischendurch immer mit wieder der Sonne ab. Es reicht für ein kurzes Sonnenbad auf der Persenning. Wir wollen versuchen, nach Nusfjord oder Reine zu segeln.

 

Die Lofoten-Wand erstreckt sich fast über den ganzen Horizont, hier und da gehen heftige Schauer nieder - zum Glück aber nicht über uns. Das Panorama kann man von Land aus überhaupt nicht erleben. Schade nur, dass meine automatische Kamera belichtet, wie es ihr gerade passt.


Blick vom Vestfjord auf die Lofotenwand
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Abends sehen wir in der Ferne die Begegnung der beiden Hurtigruten-Schiffe M/S Vesterålen und M/S Richard With.

M/S Vesterålen und M/S Richard
Die nordgehende M/S Vesterålen (links) trifft die
südgehende M/S Richard With zwischen Stamsund und Svolvær

Der Wind ist schwach, dreht oft, schläft ein - so kommt man nicht gut voran. Später wird Jochen sagen, dass es die längste Etappe war, auf der die Petrine jemals gekreuzt hat - und dabei so wenig Strecke gemacht hat. Hanna erklärt mir das GPS und die Positionseintragung auf der Karte, ich bin von der Präzision fasziniert. Jetzt kurz noch schlafen, denn von 0 bis 4 Uhr habe ich Wache.

Nach Mitternacht im Vestfjord 1
Nach Mitternacht im Vestfjord...

Zwei Seemeilen vor Stamsund (frisch erworbene Kartenkenntnisse!), die Hundewache beginnt. Wir fahren hoch am Wind, bei der Petrine sind aber nur 60° möglich, das Plattbodenschiff kreuzt eben schlecht. Eine angenehme Wache, in der letzten Stunde bin ich Rudergänger. Kurz vor 4 Uhr dreht der Wind ein, ich will korrigieren, gebe zu hartes Ruder und fahre beinahe eine Halse. Der Spott der Anderen ist mir sicher...

Nach Mitternacht im Vestfjord 2
...kreuzen und kreuzen wir und kommen doch nicht viel weiter

Nach unserer Wache kann ich mich vom Anblick der Natur nicht losreißen, erst um 5 Uhr finde ich Schlaf bis zum Frühstück.

Um 4 Uhr vor Stamsund
Morgens um 4 Uhr geht vor Stamsund unsere erste "Nacht"wache zu Ende

Mit Nusfjord wird es wohl nichts, wir arbeiten nun auf Reine hin. Mittags gibt es eine leckere Tomatensuppe mit Knoblauchbrot und Rømme, mmhhh...


Vor Reine ist das Wetter durchwachsen
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Reine ist wolkenverhangen, während es draußen auf dem Vestfjord eher freundlich war. 17 Uhr: Fest in Reine, Pier der Fischfabrik. In den als Fender ausgehängten Autoreifen finden sich immer wieder Überreste von Fischen und anderen Lebewesen, also Vorsicht beim Von-Bord-gehen. Unsere Angler haben im Vestfjord einige Köhler gefangen, die abends zu Broccoligratin mit Reis und Fisch verarbeitet werden. Wenn das so weitergeht, wird das eine Segel-Schlemmerwoche...

Ich habe mich entschlossen, den Weg zum Reinebringen zu suchen und möglichst auch hinauf zu gehen. Diese Tour soll für mich ein unvergessliches Erlebnis werden - in jeder Hinsicht. Der Regen hat aufgehört, gegen 21 Uhr gehe ich los. Den Einstieg von der alten Straße aus finde ich dank des guten Reiseführers ohne Probleme. Unten an der Straße finde ich einen Stock, den ich mir als Wanderstock mitnehme - eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellen soll. Schon auf den ersten Metern ist es auf nassem Fels recht rutschig, aber so schnell will ich doch nicht umkehren. Also weiter, wenn man vorsichtig ist, klappt das schon... Als ich die niedrigen Birken im unteren Teil hinter mir habe, muss ich erkennen, dass Wasser zwar nach unten fließt, es weiter oben dadurch aber nicht trocken wird... Aber jetzt, wo ich vermutlich die Hälfte der Strecke hinter mir habe, will ich doch nicht umkehren! Mit äußerster Vorsicht, einer Hand am Stock, der anderen an Wurzeln, arbeite ich mich bis zum Sattel hoch und werde reich belohnt: Bei dieser Aussicht fliegst Du weg! Das Erlebnis, oben anzukommen, ist wirklich phantastisch.

Blick vom Sattel des Reinebringen
Blick vom Sattel des Reinebringen
Wer findet die Petrine? Da ist die Petrine!

Dann die Erkenntnis, dass das Wetter doch etwas trübe und der Polfilter nicht in meiner Fototasche ist. Und dann die grausige Wahrheit: Wenn ich wieder heil zurück will, darf ich nicht ein einziges Mal ausrutschen! Wehe dem, der in diesem steilen Hang einmal ins Rutschen und Rollen gerät. Du hast dann keinen Halt mehr. Also dürfen null Fehler passieren, die "oh-Gott-oh-Gott"-Stimmung nützt ja nichts. Ich konzentriere mich jeweils auf die nächsten drei Schritte, und mehr oder weniger auf allen vieren, notfalls plus Hinterteil, geht es vorsichtigst und anstrengend wieder zurück. Um 1 Uhr morgens unten angekommen, bin ich echt fertig, aber glücklich und sehr erleichtert. Hose und Schuhe waren völlig nass und schlammig, aber das ist immer noch besser als gebrochene Beine oder Schlimmeres.

Mein Fazit: Eine super Tour, die auch Nicht-Profis gehen können. Trockenes Wetter auch am Tag zuvor, Treckingstock (oder 2), griffiges Schuhwerk ist selbstredend, und besser mal nicht allein. Wem es unterwegs zu rutschig ist, sollte vernünftig sein und umkehren: Es wird eher noch steiler. Ansonsten wird man oben reich belohnt! Mein eigenes Verhalten an diesem Tag stufe ich heute als leichtsinnig ein, ich hätte bei diesem Matsch umkehren sollen. Das wird mir für zukünftige Touren eine Lehre sein. Ich wünsche allen Reinebringen-Interessierten gutes Wetter, dann ist die Tour sehr zu empfehlen! Den Stock habe ich unten wieder hingelegt, vielleicht kann ihn ja noch jemand brauchen...

 
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