Mittwoch: Durch den Nappstraumen

Mit der Tide zurück in den Vestfjord

Halb zieht uns das auflaufende Wasser durch den Nappstraumen, halb treibt uns der schwache Wind. Leise und langsam kommen wir voran, vom grünen Ufer hören wir Schafe blöken oder einen Bach rauschen. Hier und da entdecken wir einen kleinen Sandstrand...

Napp, unter uns der E10-Straßentunnel
Napp, unter uns der E10-Straßentunnel

Stornappstinden
Stornappstinden

Durchblick bei Napp
"Durchblick" bei Napp

Hier bei Napp quert die Europastraße 10 (E10) den Nappstraumen - unter Wasser! Der Nappstraumen-Tunnel ist der erste Unterwasser-Tunnel in den Lofoten. Er wurde 1990 eröffnet, ist 1.750 m lang und verbindet Vestvågøy mit Flakstadøy. Was für die Autofahrer praktisch sein mag, ist für Radfahrer ein Gräuel: Dem Tunnel werden oft die Attribute laut, feucht, schmieriger Straßenbelag, zwar beleuchtet, aber unheimlich zu Teil. Da nimmt man das Fahrrad besser ein Stück im/am Bus mit. Wer bei der E10 an eine mehrspurige Autobahn denkt, liegt hier gründlich daneben: Der "Lofoten-Highway" ist eine ganz normale, gut ausgebaute Landstraße. Vom sicher vorhandenen Straßenverkehr ist vom Wasser aus so gut wie nichts zu bemerken. Kaum dem Nappstraumen entstiegen, verlässt ihn die E10 durch ein Tal Richtung Westen. Wir segeln weiter...

Am westlichen Ufer gibt es jetzt überhaupt keine Straße mehr, die wenigen Häuser sind nur mit dem Boot erreichbar. Auf der gegenüber liegenden Seite liegen einzelne Höfe an einer Straße, die aber schließlich an der steilen Flanke des Skottinden endet. Ich verliere jedes Zeitgefühl und erlebe die Stille, den Sonnenschein und die Landschaft sehr intensiv. Worte können diese Stimmung nicht beschreiben, Fotos kaum einfangen...

Skottinden
Skottinden

Skottinden, Sengestokken, Blåtinden, Munkan
Skottinden, Sengestokken, Blåtinden, Munkan

Entspannung pur auf dem Klüverbaum: Vestfjord voraus
Entspannung pur auf dem Klüverbaum: Vestfjord voraus


Hintergrund: Guðrún Gísladóttir

Am Vormittag des 18.06.2002 lief der isländische Trawler Guðrún Gísladóttir zwei Seemeilen südwestlich von Ballstad mit 6 Knoten auf eine Schäre. Die Mannschaft der 71 Meter langen Tiefkühlfabrik konnte in die Rettungsinseln gehen und wurde von einem Küstenfahrzeug aufgenommen. Am folgenden Tag sank die Guðrún Gísladóttir und nahm nicht nur 875 Tonnen gefrorenes Heringsfilet, sondern auch 365 Tonnen Diesel und 10 Tonnen Schmieröl mit in die Tiefe.

Der Untergang der Gudrun Gisladottir

Die Google-Suche lieferte zuletzt 668 weiterführende Links zu diesem Vorfall und seinen Folgen.


Hier, wo der Nappstraumen in den Vestfjord mündet und ich auf dem Klüverbaum die Wärme der Sonne genieße, treffen Touristentraum und Realität krass aufeinander: Bei meinen Reisevorbereitungen habe ich regelmäßig die Online-Ausgabe der Lokalzeitung Lofotposten gelesen, um mich über das Leben hier zu informieren. Exakt ein Jahr vor unserer Reise sank genau an dieser Stelle der isländische Trawler Guðrún Gísladóttir. Es kam zwar niemand zu Schaden, aber das nachfolgende Gerangel um die Bergung wird wohl in die norwegische Seefahrtsgeschichte eingehen. Die Reederei der Guðrún Gísladóttir kümmerte sich nicht um das Wrack, während man in Norwegen eine potenzielle Umweltbombe fürchtete. Es vergingen Wochen, Monate und sogar Jahre mit teils heftigen Auseinandersetzungen. Die ganze Sache wurde zum Skandal und einer politischen Farce. Erst zwei Jahre und etliche Stürme später wurde 2004 das Öl abgepumpt - auf Kosten des norwegischen Staates, während die isländische Reederei die Versicherungssumme kassierte. Das Wrack wird wohl für immer in 40 Metern Tiefe liegen bleiben.

Wir jedenfalls umschiffen glücklich die Schäre, die übrigens in den Seekarten nicht verzeichnet sein soll und schwenken im Vestfjord auf einen nordöstlichen Kurs.

 
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