Freitag: Nach Harstad

Nach tiefem Schlaf werde ich um 8 Uhr von der der anspringenden Petrine-Maschine geweckt und bekomme die Augen kaum auf. Was ist los, warum geht es jetzt schon weiter? Raus aus meiner Koje, oben an Deck verstehe ich es noch nicht: Die Sonne scheint, und wir legen in einem klitzekleinen Hafen ab. Wir sind in Leirvåg auf Bjarkøya. Später erfahre ich, dass wir hier nach Mitternacht angelegt haben und Hanna morgens gefragt hat, ob wir wohl bis 11 Uhr bleiben dürfen. Bei dieser Frage wurden wir zum "sofortigen" Ablegen aufgefordert, weil die Pier benötigt werde.

Wir verlassen also brav das wenig freundliche Leirvåg. Bei der Fahrt durch den Sundsvollsund zwischen den Inseln Bjarkøya und Helløya passieren wir eine große Vogelkolonie in den Felsen. Ich stehe immer noch etwas benommen an Deck herum und bekomme meine Kamera natürlich nicht so schnell herauf, wie ich es möchte...

Später segeln wir bei schwachem Wind in der Sonne vor Senja. Draußen auf See türmen sich die Cumulus-Wolken, aber über uns lösen sie sich wieder auf. Es ist so friedlich und ruhig hier, das lässt sich nur auf dem Wasser ohne Motor erleben. Irgendwo in der Ferne schreien Seevögel, die Weite der Inselwelt umgibt uns und erfüllt mich mit einem fazinierenden Raumgefühl. Das Licht schafft unglaubliche Stimmungen, mal türmen sich Wolken auf, dann scheint die Sonne von unten dagegen...

Licht 1

Licht 2

Licht 3

Licht 4

Wir wollen diesen Törn entspannt ausklingen lassen und einigen uns darauf, vor unserem Ziel Harstad noch ein schönes Plätzchen anzusteuern. Zwischen den kleinen Inseln Åkerøya und Kjøtta finden wir die ruhige Ankerbucht Vågen. Ein Teil der Reisenden wird mit dem Beiboot an Land gebracht und erkundet die Gegend zu Fuß. Wir setzen derweil auf der Petrine die Sauna in Gang. Während es dort unten allmählich wärmer wird, entdecken wir in den Baumwipfeln einen Seeadler, der uns beobachtet. Es ist ein gewaltiger Anblick, als sich der große Vogel in die Lüfte schwingt und majestätisch seine Runden zieht. Nach dem Saunagang schwimme ich eine Runde um die Petrine herum, das Wasser kommt mir hier im Gegensatz zum Trollfjord richtig warm vor.

Am Abend heißt es "Anker auf" nach Harstad. Die Fahrt aus der Ankerbucht wird noch spannend, denn das Wasser ist hier laut Seekarte nur 2 Meter tief, und inzwischen haben wir Niedrigwasser. Es werden schon die ersten Schwergewichtler ausgeguckt, die im Fall des Falles als Ballast über Bord geworfen werden sollen, da passiert Petrinchen die flache Stelle ganz ohne Mühe. Als wir Harstad anlaufen, zeige ich Jochen den Liegeplatz der Anna Rogde beim Kulturhaus. Norwegens ältester segelnder Schoner von 1868 liegt aber gerade nicht an seinem üblichen Platz, sondern ist noch mit einer Gesellschaft unterwegs. Wir machen in der Nähe fest, bunkern erstmal Wasser, während die Petrine viele interessierte Blicke erntet. Von einem freundlichen Norweger werde ich auf die nautischen Eigenheiten der Petrine angesprochen und kann wenigstens etwas zum Schiff erzählen. Im Laufe der Unterhaltung sieht er sich nicht nur die Petrine, sondern auch deren Mannschaft an und wird dabei immer ernster und bedenklicher, bis er mir schließlich den guten Rat gibt: Falls wir Greenpeace-Leute seien, sollten wir das besser nicht laut rumerzählen, denn hier seien einige seiner Landsleute sehr schlecht auf Greenpeace zu sprechen...

Dann stürzen wir uns noch in das helle Nachtleben von Harstad. Das ist keine Hochstapelei, denn durch das beginnende Jazzfestival ist auch am Abend viel Volk in der Stadt. Die Autofahrer sind hier sehr rücksichtsvoll: Sobald man nur gezielt auf die andere Straßenseite blickt und den Anschein erweckt, als wolle man die Straße überqueren, halten sie an. Um sie nicht zu enttäuschen, bedanken wir uns freundlich und gehen dann auch rüber. Oliver meint es gut mit uns und gibt in der Kneipe eine Runde Bier aus, was ihn ein kleines Vermögen kostet. Ab ein Uhr lässt der Trubel plötzlich nach, der Laden scheint zu schließen. Damit wollen sich einige von uns nicht zufrieden geben und beschließen, das es sich nicht mehr lohne, noch zu schlafen. Wir sind nicht mehr so unternehmungslustig und machen uns auf den Weg zurück zur Petrine. Die liegt aber nicht mehr an ihrem Platz, und wir sehen, warum: Am Kulturhaus hat inzwischen die Anna Rodge festgemacht, und Jochen fand es wohl standesgemäß, wenn beide Traditionssegler neben einander liegen. Wir legen uns auch, denn morgen beginnt unsere Rückreise...

 
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