In der Telemark...

Südnorwegens Schmuckkästchen

Auf unseren ersten Tagesetappen reisen wir gemütlich im Sonnenschein durch den Süden Norwegens.

Samstag, 24.07.2004 [219 km]

Bald nach dem Frühstück fahren wir los - und halten kurz darauf schon wieder an, um die Holmenkollen-Schanze anzusehen. Wir sind früh dran und gehören zu den ersten Besuchern dieses Tages. Das Museum ist interessant und eindrucksvoll, und bei unserem Besuch oben im Schanzenturm stellt sich nur die eine Frage: Wie kann man sich allen Ernstes diese steile Schanze herunter wagen? - Unsere Aussicht von hier oben wird durch den Dunst und die nicht ganz klaren Scheiben der Kanzel ein wenig getrübt. Es wird trotzdem ein guter Start in diesen Tag.

Blick von der Holmenkollen-Schanze hinunter auf Oslo

Etwas später decken wir uns in einem Rema 1000 Supermarkt mit Verpflegung für das Wochenende ein. Mit dabei sind 600 g tiefgekühlter Lachs zum sensationellen Preis von 36 NOK (rund 5 Euro). Da sage noch einer, Norwegen sei teuer!

Wir fahren auf der E16 über Rykkinn bis zum Tyrifjord und genießen dort die Aussicht auf den Binnensee, der sich Fjord nennt. Dann halten wir uns südlich und fahren in Drammen auf die E134 Richtung Kongsberg. Eigentlich wollte ich mir in Drammen schon immer mal Spiralen ansehen, aber die Rücksicht auf meine Mitreisenden verlangt Opfer...

Badeplatz am Fiskumvatn

Bei Hokksund verlassen wir die verkehrsreiche Europastraße und fahren über Vestfossen auf der östlichen Seite des Fiskumvatn. Kurz hinter der Brücke zwischen Fiskumvatn und Eikeren finden wir einen schönen Badeplatz. Auf der Wiese stehen einladende Picknicktische, und diese Einladung nehmen wir gerne an. Das Schild Camping verboten auf dem Parkplatz irritiert uns nur kurz: Wir wollen hier ja nicht campen, sondern pausieren und dann weiterfahren.

Das Wasser im Fiskumvatn ist recht kalt. Nach ein paar Schwimmrunden lassen wir uns auf der Wiese von der Sonne wieder aufwärmen und picknicken ausgiebig. Das Wetter wird immer besser, und der Badeplatz füllt sich an diesem Samstag Nachmittag zusehends.

Wir machen Platz für weitere Gäste und fahren wieder auf die E134 über Kongsberg nach Notodden. Hier zeigt sich die Telemark von ihrer Schokoladenseite, diese Strecke ist wirklich sehr schön, wie z. B. kurz vor Notodden am Elgsjø.

Elgsjø

Über Nebenstrecken geht es jetzt südlich nach Bø und Lunde, von wo wir westlich zum Flåvatn fahren. Leider sind wir nicht zur richtigen Tageszeit hier, denn die Schleusentreppen des Telemark-Kanals werden am Mittags von nostalgischen Kanalbooten befahren. Informationen im Netz bei der Tourist Information Telemark und natürlich auf der eigenen Webseite des Telemarkskanalen.

Unser Tagesziel ist der absolut ruhig gelegene Campingplatz bei Kilen am Flåvatn, den wir auf einer sehr schmalen, buckeligen Straße ansteuern. Zum Glück haben wir auf der gesamten Strecke keinen Gegenverkehr, sonst müsste wir wirklich weit rückwärts fahren. Bei 30 km/h werden wir gut durchgeschaukelt und sind froh, endlich anzukommen. Der Platz wird fast nur von Norwegern besucht, wir werden mit unserem deutschen Wohnmobil skeptisch beäugt. Es ist hier aber wunderschön: Sonnenschein, Sandstrand, Wärme empfangen uns.

Campingplatz bei Kilen am Flåvatn

Unser Stellplatz liegt leider nicht direkt am See, was uns aber für nur eine Übernachtung nicht stört. Die Jungs spielen Strandfußball, und wir genießen die Ruhe bei einem Spaziergang.

Sonntag, 25.07.2004 [99 km]

Straße entlang des Flåvatn

Nach dem Frühstück schaffen wir den Start erst gegen 11 Uhr. Es folgt eine schöne Fahrt auf enger, rumpeliger Straße westwärts am Flåvatn entlang. Zum ersten Mal sehen wir Schafe auf der Fahrbahn. Obwohl wir uns ganz vorsichtig und schaffreundlich nähern, lassen sie uns nicht vorbei, sondern laufen verstört eine ganze Weile vor uns her. An einer denkbar ungeeigneten Stelle zwängen sie sich schließlich unter der Leitplanke durch und flüchten ins Gelände.

Bei Fjågesund führt eine Brücke über den See, der ab hier Kviteseidvatnet heißt. Von der Brücke aus sehen wir auch einen der alten Dampfer, die den Telemark-Kanal befahren. Beim Museum Kviteseid Bygdetun ist richtig was los. An diesem Sonntag werden gepflegte alte Autos ausgestellt - das wollen wir uns genauer ansehen.

Das passt wirklich gut zusammen: 40-50 Jahre "junge" Autos vor 250 Jahre alten Häusern. Wir finden an der Straße noch ein Plätzchen für unser Wohnmobil und machen uns auf Entdeckungstour durch das Museum.

Kviteseid Bygdetun ist ein kleines, aber feines Freilichtmuseum in der Telemark und liegt an der Nationalstraße 41 von Kviteseid nach Vrådal, etwa 7 km vom Zentrum Kviteseid entfernt am Kviteseidvatnet. Hier steht einer der ältesten Weiler Norwegens: Die Siedlung besteht aus 12 Gebäuden, die im 20. Jahrhundert von verschiedenen Höfen der Umgebung hierher gebracht wurden. Man bekommt einen Eindruck, wie ein Gehöft in der Telemark vor 200-300 Jahren aussah. Einige der Häuser kann man bei einer Führung betreten. Die alte Kirche aus dem frühen 12. Jahrhundert hat unter anderem 1,5 Meter starke Mauern.

Flekstveitstoga im Museum Kviteseid

Das Gebäude Flekstveitstoga aus dem 17. Jahrhundert stammt vom Flekstveit-Hof, ein ehemaliges großes Gehöft zwischen Lårdal og Kviteseid. Das Haus besteht aus imponierenden 50-60 cm breiten Balken und ist im unteren Stockwerk mit Rosenmalereien des Malers Talleiv Halvorson Espetveit ausgeschmückt, die aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammen.

Das Museum ist im Sommer täglich geöffnet, weitere Informationen (auf norwegisch): http://www.vest-telemark.museum.no/

Oldtimer-Ausstellung in Kviteseid

Zu meinem Entzücken entdecke ich einen alten VW Bus: Der T1 mit geteilter Frontscheibe und doppelter Klapptür ist der Vorgänger meines früheren T2b. Diesem wunderbaren Fahrzeug (grün mit grün-weiß karierten Gardinen) trauere ich noch heute nach, obwohl er mir mehrfach seine Schiebetür auf die Füße fallen ließ und auch sonst für manche Überraschung gut war. Unvergessen bleibt auch die Norwegen-Tour 1982 mit meinem damaligen Traumauto - aber das ist eine andere Geschichte...

Gegen 12 Uhr kommen immer mehr Besucher, und eine junge Norwegerin kündigt per Mikrofon das Programm an. Sie tut es in einer Sprache, die ich trotz meiner (geringen) Sprachkenntnisse absolut nicht verstehen kann. Die Besucher hören aufmerksam zu, und schließlich geht ein Raunen durch die Menge. Eine bisher abgesperrte Einfahrt auf die Wiese wird geöffnet, und aus der Ferne ist lautes Motorengebrüll zu hören.

Oldtimer-Ausstellung in Kviteseid

Ein blauer Subaru Impreza, akustisch und optisch zweifelsfrei ein Rallyefahrzeug, driftet auf den Platz zwischen den alten Bauernhäusern. Lars erstarrt und stellt fest, dass es sich um das Auto von Petter Solberg, dem Rallye-Weltmeister 2003 handelt. Leider entsteigt aber nicht der Meister selbst, sondern ein anderer Fahrer dem schnellen Wagen. Die Besucher drängen sich so um das Auto, dass ich gar kein Foto mehr davon machen kann.

Wir erfreuen uns noch eine Weile an den alten Autos und an den noch älteren Häusern, bevor es uns wegen der immer zahlreicher werdenden Besucher zu voll wird. Schließlich brechen wir auf und fahren auf Nationalstraße 41 Richtung Vrådal. Die Straße führt durch die Serpentinen hoch bergauf.

Pass von Kviteseid nach Vrådal

Weiter oben auf einem Parkplatz gönnen niederländische Touristen ihrem Wohnwagen-Gespann und sich eine Mittags-Kaffeepause. Wir halten hier auch kurz an, um die schöne Aussicht über die Telemark zu genießen.

Aprilwetter am Vråvatn

Schon bald geht es für uns weiter. In Vrådal stoßen wir auf die Nationalstraße 38, der wir in Richtung Dalen folgen.

Das Wetter wird unbeständiger: Während der Wind auf dem Vråvatn die Wellen höher schlagen lässt, geht an westlichen Ende des Sees ein kräftiger Schauer nieder. Es tröstet uns aber, dass die Berge weiter hinten unter blauem Himmel im Sonnenschein liegen.

Bei Holtebru erreichen wir die Nationalstraße 45. Eigentlich wollen wir hier in westlicher Richtung zum Setesdal abbiegen, doch ich möchte noch kurz alte Erinnerungen auffrischen: Mit meinem grünen VW-Bus bin ich 1982 schon einmal hier hergefahren. Dabei habe ich auf der Strecke nach Dalen herunter die Bremsscheiben zum Glühen gebracht, weil ich nicht oft genug in den 1. Gang zurückgeschaltet habe! Das möchte ich dem Wohnmobil ersparen, doch die schöne Aussicht über den Bandak treibt mich ein Stück die Serpentinen hinunter.

Der Bandak-See bei Dalen

Dann machen wir kehrt und folgen der 45 westwärts Richtung Setesdal. Gerne würden wir noch eine Kaffeepause einlegen, doch entlang der Straße gibt es für Wohnmobile kaum eine Möglichkeit zum Anhalten. Alle in Frage kommenden Stellen sind mit Ketten, Felsbrocken und ähnlichem blockiert. Naja, die Norweger werden wohl so ihre Erfahrungen mit Wohnmobilfahrern gemacht haben...

Gefahrenschild "Schafe"

Die Landschaft hier oben ist aber auch im Vorbeifahren sehr schön, und bei wenig Verkehr können gemütlich zuckeln. Zum ersten Mal weist uns ein Schild auf die besondere Gefahr durch Schafe auf der Fahrbahn hin.

Übernachtung bei Hallbjønnsekken

Gegen 16 Uhr erreichen wir einen riesigen leeren Parkplatz beim Hallbjønn høyfjellsenter und beschließen, hier doch noch unsere Kaffeepause einzulegen. Nach der Größe des Parkplatzes und des umliegenden Hüttenfeldes zu urteilen, muss hier zur Wintersaison richtig was los sein.

Jetzt ist es aber Sommer, naja, jedenfalls dem Kalender nach. Beim Aussteigen merken wir sofort, dass wir uns auf rund 780 Meter Höhe befinden: Es ist recht kühl hier. Optimistisch wie ich bin, hole ich die Campingstühle hervor und stelle sie im Windschatten des Wohnmobils auf. Direkt neben uns beginnt ein verwirrendes System aus kleinen Moorseen, Inselchen und Halbinselchen. Zwischen blühendem Wollgras, Felsbrocken, Krüppelbirken und tückischen Sumpflöchern erkunden wir erst einmal die Gegend, die uns wie aus einer anderen Welt vorkommt.

Bei Hallbjønnsekken

Schnell wird uns klar, dass wir den Kaffee lieber im warmen Wohnmobil trinken möchten. Es wird immer kälter, und die heraufziehenden dunklen Wolken lassen nichts Gutes ahnen. Trotzdem gefällt es uns hier so gut, dass wir kurzerhand beschließen, für die Nacht hier zu bleiben.

Vor lauter Kälte, aber auch aus Neugier setze ich die Standheizung in Gang. Schnell wird es im Wohnmobil gemütlich warm. Wir beobachten aus dem Fenster heraus noch ein paar Schafe, denen die Kälte wenig auszumachen scheint. Kein Wunder, sie haben ja auch dicke Wollpullover an...

 
Weiter zur Seite Über's Haukelifjell