Dänemark im Mittsommer

Eine Radtour ganz allein

Ganz allein? Dies ungläubige Frage habe ich inzwischen oft gehört. Ja, ganz allein. So wie schon vor vier Jahren: Mit Fahrrad und Zelt eine Woche lang Dänemark erkunden. Morgens nicht wissen, wo ich am Abend schlafen werde, und einfach nur den Tag genießen...

Astrup bei Solbjerg südlich von Århus

Das Angebot SparNight der DB NachtZug scheint unwiderstehlich: Für 29 Euro nach Dänemark! Mit Fahrrad und Liegeplatz werden daraus immer noch günstige 98 Euro für Hin- und Rückfahrt.

Es ist nicht meine erste Radtour allein durch Dänemark: Im Juli 2001 habe ich es von Flensburg aus mit "Insel-Hopping" versucht: Über die Inseln Alsen, Ærø, Fünen, Seeland, Orø, Falster und Lolland ging es schließlich nach Puttgarden. Das war eine prima Tour, und in diesem Jahr möchte ich die guten Erfahrungen mit den Übernachtungsplätzen des Projekts Overnatning i det fri möglichst noch einmal machen. In Jütland habe ich mir den Bindeballestien und den Bryrupbanestien ausgesucht - zwei Radrouten, die über die Trassen stillgelegter Bahnstrecken führen. In Århus soll es dann auf die Fähre Richtung Seeland gehen. Auf dieser Insel möchte ich nach einer Woche Kopenhagen erreichen, von wo mein Zug zurück nach Deutschland gehen wird.

Montag, 20.06.2005

Es ist warm im Sauerland, sehr warm. Ich habe alles gepackt, die Tickets für den Nachtzug liegen bereit - es kann losgehen! Die 5 km bis zum Bahnhof sind ungewohnt: Meine Güte, das Gepäck wiegt doch eine Menge! Das Fahrverhalten hat sich enorm verschlechtert. Das Rad wackelt ordentlich, wenn ich nur einer Glasscherbe ausweiche... Als ich den Radweg an der Bahnstrecke erreiche, spricht mich ein älterer, sportlicher Herr auf einem Mountainbike an: Da haben Sie sich aber schönes Wetter ausgesucht für Ihre Tour! - Als ich ihm klarmache, dass ich erst seit fünf Minuten unterwegs bin und morgen früh in Dänemark aus dem Zug steigen möchte, ist er baff. Ja, eine größere Radtour habe er auch schon gemacht, die Donau entlang bis nach Ungarn. Mit drei Pärchen sei man unterwegs gewesen, habe sich aber Zimmer vorbestellt. Und dann seine unvermeidliche Frage: Ganz allein? - Eine nette Begegnung, das fängt ja gut an.

Am Bahnhof erscheint noch meine Familie und hilft beim Einladen. In Hagen stelle ich mich schon darauf ein, Fahrrad und Gepäck eine Treppe herunter und eine Treppe wieder herauf zu befördern, da entdecke ich den Aufzug. Ein Hoch auf die Bahn! Ich komme bequem auf den Bahnsteig, an dem gerade der Nachtzug bereitgestellt wird.

Ich kann mir Zeit lassen, es sind noch zehn Minuten bis zur Abfahrt. Die Zugbegleiterin für die Liegewagen steht am Zug, sieht mürrisch aus und grüßt erst zurück, als ich sie freundlich ansehe und ihr einen guten Abend wünsche. Da bin ich aber an jeder Hotelrezeption und sogar im Billigflieger freundlicher empfangen worden...

Im Liegewagen der DB NachtZug

Es ist um 21 Uhr immer noch warm, und wer weiß, wo der Zug heute tagsüber in der Sonne herumgestanden hat. Ich ahne Schlimmes, als ich mein Abteil betrete - und werde noch einmal angenehm von der Bahn überrascht: Die Luft ist gut gekühlt, die Klimaanlage arbeitet einwandfrei. Auch die Befürchtungen, nachdem ich auf meinem Ticket den Zusatz Raucher entdeckte, zerschlagen sich: An der Tür prangt ein Nichtraucher-Zeichen (mit dem Zusatz 20.00-07.00), und es riecht kein Bißchen nach Rauch.

Nachdem ich das Fahrrad im anderen Wagen verstaut habe, setzt sich der fast leere Zug in Bewegung. Ich erkunde kurz die Wagen: Die Doppelstock-Schlafwagen erinnern mich an Hotelflure. Im schicken Bar-/Restaurantwagen sitzen nur zwei Leute am Tisch: Der Zugchef und der Barkeeper. Hier ist ja wirklich nichts los. Im nächsten Sitzwagen trifft mich fast der Schlag. Es ist fast so, als ob ich in der Wüste aus einem klimatisierten Flugzeug steige: Die Sitzwagen sind höllisch heiß! Zurück im Barwagen, bestelle ich mir ein kaltes Warsteiner und bekomme doch glatt ein echtes Glas zur Flasche gereicht! Der Zugchef ist ein lustiger Kerl und ganz offenkundig aus Berlin: Hört man janz jut, wa? Er ist von meiner Idee, im Sitzwagen einen Saunazuschlag zu kassieren, ganz begeistert. Die Zeit bis Köln vergeht wie im Fluge. Ich habe noch nie so entspannt im Zug gesessen, die kühle Luft, das kühle Bier und den netten Schwatz genossen. Das fängt ja wirklich gut an.

In Köln, so hat es der Zugchef prophezeit, wird es voller. Ich lege mich rechtzeitig hin, immerhin ist es fast halb elf. Noch bin ich allein im 6er-Abteil. Bald strömen die Menschen in den Zug. Ich höre die unterschiedlichsten Sprachen: Zwei aufgeregte Däninnen finden ihr Abteil nicht, eine italienische Großfamilie zieht lautstark nebenan ein, eine schwedische Familie mit kleinen Kindern geht vorbei, noch eine Dänin stößt mit ihrem Hartschalenkoffer so gegen die Scheibe meines Abteils, dass ich erschrocken hochfahre - und an der mittleren Liege über mir wieder abpralle. Der Zug rollt schon, da wird ganz leise und rücksichtsvoll die Tür aufgeschoben, und ein französisches Pärchen kommt herein. Vollkommen ruhig tuscheln sie kurz, legen sich hin und schlafen ein. Was man von den beiden arabisch sprechenden Herrn, die später erscheinen, wirklich nicht behaupten kann. Sie unterhalten sich so lautstark, dass es noch zwei Abteile weiter zu hören sein muss. Der Radiowecker wird noch kurz gecheckt (ups, der ist wohl etwas laut eingestellt), die Unterhaltung wird auch selbst dann fortgesetzt, während der Kollege mal eben zur Toilette geht. Macht ja nichts, man ruft dann eben lautstark über den Gang... - Die Sache gipfelt in einem halbstündigen Handy-Telefonat bis 1.30 Uhr morgens - ja, gibt es denn überhaupt keine Funklöcher mehr in Deutschland?

Der Zug ruckt hier und da durch eine Weiche, beschleunigt und verzögert wieder. So ruhig und gleichmäßig wie von Stockholm nach Narvik geht es in Deutschland doch nicht zu.

 
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