Von Kolding nach Ravning

Der Nachtzug bringt mich nach Kolding auf Jütland, wo die Radtour beginnt. Über Ferup, Egtved und Bindeballe fahre ich an diesem warmen Tag bis Ravning im Tal der Vejle Å.

Dienstag, 20.06.2005 [55 km]


Route 62: Troldhedebanestien

Troldhedebanen

Die Route führt von der Stadtmitte von Kolding auf dem Bahndamm der stillgelegten Troldhedebahn (1917-1968) nach Ferup, von wo aus es auf Gemeindestraßen weiter nach Norden und Westen geht. Der Weg auf dem Troldhedebanedamm hat nur kleinere Steigungen. Er führt aus der Stadt durch das Wäldchen Marielund und weiter durch ein gras- und waldbewachsenes Tal. Die einstige Bahnstrecke führte von Troldhede in Westjütland nach Kolding, heute ist jedoch nur noch die Strecke von Kolding nach Ferup erhalten.

Mit der Eisenbahn wurden Braunkohle und Torf transportiert. In der kleinen Ausstellung im Lagerschuppen bei der Station Dybvadbro wird das damalige Leben und Treiben an der Troldhedebahn geschildert.

Quelle: Radrouten im Kreis Vejle


Ich werde gegen 6 Uhr wach, der Zug steht. Laut Fahrplan müssten wir jetzt schon in Dänemark sein: Padborg ist für 5.59 Uhr vorgesehen. Aber nichts da, unser Zug hat wohl eine halbe Stunde lang in Hamburg-Harburg herumgestanden - deshalb habe ich so gut geschlafen! Mit +31 komme ich in Kolding an. Das französchische Pärchen ist auch im Fahrradabteil und hievt sein Tandem samt Gepäck-Trailer aus dem Zug. Ich lade gerade noch meine Taschen auf's Rad, da sind sie schon spurlos verschwunden.

In Kolding ist es schon keine große Überraschung mehr: Auch hier gibt's einen bequemen Aufzug, der mich mit Rad und Gepäck vom Bahnsteig in die Tiefe bringt. Vor dem Bahnhof bringe ich meine verschollenen Dänisch-Kenntnisse wieder hervor und stelle einem Taxifahrer meine Standard-Frage nach der nächsten Bäckerei. Und das Wunder geschieht: Der Mann versteht mich, und obendrein verstehe ich noch seine Antwort! Auch der Wortwechsel mit der dänischen Bäckereifachverkäuferin verläuft erfolgreich. Lebensmittel wie Milch, Käse oder meine geliebte Leberpastete bekomme ich noch nicht: Der Supermarkt öffnet erst um 9 Uhr. Also los, schließlich bin ich ja nicht zum Shoppen hier - was Martina B. aus F. ganz sicher anders sehen würde...

Ich möchte Kolding in nordwestlicher Richtung verlassen. Hier führt die regionale Radroute 62, der Troldhedebanestien abseits der Straße aus der Stadt (siehe Kasten). Der "Einstieg" ist nicht ganz leicht zu finden: Vom Bahnhof aus rechts durch die Mazantigade auf den Fynsvej, nach etwa 600 m links vor dem Haus Nr. 55 auf dem kleinen Fuß-/Radweg über das Parkskolen-Gelände. Der Weg ist hier nicht mit 62 beschildert - gut, dass ich vorher den Stadtplan von Kolding studiert habe.

Radroute 62: Troldhedebanen

Zu Beginn führt der Weg durch Laubwald - eine Gegend, in der sich die Jogger aus der Stadt gerne betätigen. Später wird das Gelände offener: Weiden, Seen und ein Golfplatz kommen in Sicht, wie auch die Sonne. Gegen halb zehn wird mir schon so warm, dass ich auf kurze Hose umsteige und auch ein kleines Frühstück einlege.

Als ich unterwegs nochmal kurz anhalte, um ein Foto zu machen, spricht mich eine Radfahrerin an: Kan jeg hjælpe med kortet? - Kann ich mit der Karte helfen? Wunschgemäß diskutiere ich kurz mit ihr Standort und Fahrtrichtung, bedanke mich artig und fahre weiter.

Radroute 62: Troldhedebanen

Der Weg führt an Seen vorbei, an denen sich viele Vögel und leider auch blutsaugende Insekten wohlfühlen. Während der Fahrt kommen nur die ganz verwegenen Exemplare zum Zuge, doch als ich ein Stück vor dem alten Bahnhof Dybvadbro anhalte, um das "vergessene" Lichtsignal zu fotografieren, fallen sie über mich her.

Die alte Station Dybvadbro

Auf dem Troldhedebanestien treffe ich jetzt kaum noch auf Menschen - bis ich vor mir eine Gruppe Senioren entdecke, die den Weg nach allen Regeln der Kunst verstopfen. Die mit Nordic-Walking-Stöcken bewaffnete Wandergruppe ist auch nicht besser als die Kollegen in Deutschland: Natürlich benutze ich die Fahrradklingel, natürlich wird sie nicht gehört, und natürlich höre ich mir beim (langsamen) Vorbeifahren einen Vorwurf an: Hast Du da keine Klingel dran? Ganz wie in Deutschland also, nur hört es sich auf Dänisch nicht ganz so böse an.

Bis Ferup wird die Fahrspur immer schmaler und ist vor allem mit Gepäck nur unter voller Konzentration zu befahren. Der Boden links und rechts ist feucht und weich, da sinkt man schnell ein.

In Ferup endet der Troldhedebanestien, die Route 62 führt jetzt über kaum befahrene Landstraßen weiter in Richtung Jordrup. Es wird immer wärmer, und auch ein kurzer Schauer bringt nur einzelne Tropfen, keine Abkühlung. Jetzt, nachdem ich die Eisenbahntrasse verlassen habe, wird die Strecke zu einer kleinen Berg- und Talbahn. Zwischendurch sehe ich immer wieder Höfe, manche etwas vernachlässigt, manche tip-top gepflegt. Aber irgendwie hat es immer etwas Stilvolles, dieses dänische Landleben.

Hylskovgård bei Egtved Hof bei Ferup

In Jordrup Skov sehe ich ein Pfadfinderheim - und finde dort prompt hinter dem Haus einen Wasserhahn, an dem ich meine Flasche mit kühlem Wasser auffüllen kann. Später verlasse ich hinter Jordrup die Route 62 und fahre nun auf der Middelalderruten 35 Richtung Egtved. Dort will ich mir bei Egtved Holt das rekonstruierte Hünengrab ansehen, in dem 1921 das Egtved-Mädchen aus der Bronzezeit gefunden wurde.

In Egtved finde ich erst einmal einen Supermarkt und decke mich mit den begehrten Lebensmitteln ein, die etwas später an einem Picknick-Tisch meine Frokost-Mahlzeit sind. Danach besuche ich gleich nebenan die Ausstellung zum Egtved-Mädchen. Was ich dort sehe, beeindruckt mich zunächst nicht sehr. Erst nach näherem Hinsehen und Lesen der Texte, die übrigens auch auf deutsch angeboten werden, begreife ich das Faszinierende an der Geschichte.

Sarg des Egtved-Mädchens

Das Egtved-Mädchen: Ende Februar 1921 war der Bauer Peter Platz gerade dabei, auf seinem Grund Reste eines alten Grabhügels zu beseitigen. Dabei stieß er auf einen gut 2 Meter langen Eichenstamm, der offenkundig hohl war und aus zwei Teilen bestand. Platz schrieb sofort einen Brief an das Nationalmuseum, das umgehend mit Untersuchungen begann.

Kleidung des Egtved-Mädchens

Es stellte sich heraus, dass kaum Erde in den Eichensarg gedrungen war, in dem ein etwa 16-18 Jahre altes Mädchen aus der Bronzezeit vor rund 3300 Jahren beerdigt wurde. Es war einer der besterhaltenen Funde aus dieser Zeit in Dänemark, vor allem wegen der außergewöhnlich gut erhaltenen Kleidung. Die Schilderung des Fundes durch den Bauern und der nachfolgenden Untersuchungen werden in der Ausstellung lebendig wiedergegeben. Die Kleidung, die persönlichen Gegenstände und Grabbeigaben bringen das Leben und Schicksal der jungen Frau vor 3300 Jahren den Besuchern von heute sehr nahe.

Es geht auf 13 Uhr und ist fast schon heiß, ich möchte eigentlich eine Pause im kühlen Schatten machen. Nybjerg Mølle liegt am Weg und sieht auf der Karte vielversprechned aus: Ein Bach, eine Wassermühle, Wald. Dort angekommen, möchte ich aber gleich weiter: Das Wasser ist eine trübe Brühe, die Sonne scheint unbarmherzig, und die Straße steigt sehr steil an. Zum ersten Mal steige ich ab und schiebe; es ist einfach zu heiß und zu anstrengend bei dieser Steigung und diesem Gepäck.

Auf dem Weg von Egtved nach Bindeballe

Bald zweigt die Straße nach Bindeballe ab. Trotz "Berg- und Talbahn" macht die Fahrt Spaß, die Landschaft ist sehr schön und abwechslungsreich. Unmittelbar vor Bindeballe zweigt die Route 36, der Bindeballestien in Richtung Osten ab. Ich fahre aber erst mal das kurze Stück weiter zur Bindeballe Station und zum Bindeballe Købmandsgaard.

Bindeballe Station

Bindeballe Station: In früherer Zeit fuhren Züge nach Bindeballe. 1897 wurde hier der Haltepunkt geschaffen und das Stationsgebäude mit dem Kaufmannsladen gegenüber gebaut. Die Züge fuhren durch das Tal der Vejle Å bis Bindeballe und weiter westlich nach Vandel und Grindsted. Viele Züge verkehrten als gemischte Personen-, Vieh- und Güterzüge. Die Passagiere konnten so eine liebliche Mischung aus verschiedenen Düften und Geräuschen vom Dampfzug, Volk und Vieh erleben. Die Reise mit dem Dampfzug von Vejle nach Grindsted dauerte zwei Stunden; von Vejle gabe es normaler Weise täglich fünf Abfahrten. 1957 übernahmen Automobile den Güter- und Personentransport; der Bahnbetrieb wurde eingestellt.

Vandelbahn-Museum

Die alte Eisenbahnstrecke von Vejle nach Bindeballe verbindet immer noch die vielen Sehenswürdigkeiten im Tal der Vejle Å wie ein roter Faden. Die Bindeballe Station ist heute Museum, Ausflugsort und einfacher Zeltplatz. Ein kleines Vandelbahnmuseum wurde im und um das Bahnhofsgebäude herum errichtet. Unter anderem wurden Wartesaal und Kartenschalter wieder aufgebaut. Die Ausflügler bringen sich Kaffee mit und nehmen im Stationsgebäude zum Picknick Platz. Auf diese Weise geht das Leben in der alten Station auch heute noch weiter.

Der Bindeballe Købmandsgaard ist ein alter Kaufladen aus der Zeit, als die Bahn angelegt wurde. Er wird heute als gut sortierter Museumsladen betrieben und ist wie der Bahnhof ein lohnendes Ausflugsziel am Ende des Bindeballestien.

Bindeballe Købmandsgaard Alte Tankstelle beim Bindeballe Købmandsgaard

Kurz überlege ich noch, ob ich wegen der Wärme nicht schon hier mein Zelt aufschlage, entscheide mich dann aber für die Weiterfahrt auf dem Bindeballestien.

Radroute 36: Bindeballestien

Vorbei an Höfen, Weiden und Wäldern geht der Weg durch das liebliche Tal der Vejle Å. Es ist ganz still hier, kein Verkehrslärm ist zu hören. Die Sonne wird immer wieder von den aufziehenden Wolken verdeckt, und einzelne Streckenabschnitte führen durch kühlen Wald. Das macht den warmen Tag angenehmer, und der flache Radweg gibt sich alle Mühe, mir den Rest der Tagestour leicht zu machen.

Traumhaus am Bindeballestien

Diverse Traumhäuser kommen links und rechts des Weges in Sicht. Hier, in der schönsten Natur, fernab von Lärm und Stress, lässt es sich bestimmt gut leben.

Bald erreiche ich Ravning Station, einen weiteren ehemaligen Bahnhof an der stillgelegten Strecke. Hier sind die Reste einer uralten Brücke zu bewundern. Auch an dieser Stelle wird mir die wirkliche Bedeutung erst auf den zweiten Blick bewusst.

Ravning Bro

Ravning Bro: König Harald in Jelling ließ im Jahre 980, also vor über 1000 Jahren, eine für damalige Verhältnisse gewaltige Brücke über das Tal der Vejle Å bauen. Diese Brücke war das längste Bauwerk in Dänemark bis zur Einweihung der ersten Brücke über den Kleinen Belt im Jahre 1935. Die Brücke von Ravning stand auf ca. 1800 Eichenpfählen mit einem Querschnitt von ca. 25 x 25 cm, präzise mit Beilen zurechtgehauen. Die volle Länge der alten Brücke kann man erleben, wenn man durch die Wiesen bis hin zur Vejle Å den Erdwall abschreitet, der die Überbleibsel der Brückenpfähle vor dem Zerfall bewahren soll.

Ravning Station

Ravning Station: Im Stationsgebäude der früheren Eisenbahnstrecke Vejle-Vandel-Grindsted wurde eine Ausstellung über die Brücke aus der Wikingerzeit eingerichtet. Diese Ausstellung informiert auch über die noch ältere Fluchtburg Troldborg Ring nördlich der Ravning Station, über die Kulturgeschichte des Flusstales und die Bahnstrecke.

Neben der Station befindet sich in einem umzäunten Areal ein früherer Obstgarten, der heute als einfacher Zeltplatz für Wanderer und Radfahrer gratis zur Verfügung steht.

Zeltplatz bei der Ravning Station

Die Zeltwiese ist genau so liebevoll angelegt wie die Ausstellung und sieht wirklich sehr einladend aus. Ein rustikaler Zaun teilt die Obstwiese vom Picknickplatz der Tagesgäste ab, es gibt Tische und Bänke sowie eine Feuerstelle mit Grillrost. In einem kleinen Schuppen lagert tockenes Feuerholz einschließlich Beil zum Spalten, alten Zeitungen zum Anzünden und langen Ästen für's Snobrød! Die Toilette der Ausstellung bleibt für die Zeltgäste die Nacht über geöffnet, und zur Not kann bei schlechtem Wetter der Nachbau des Lagerschuppens genutzt werden, um eine Mahlzeit oder ein Gläschen im Trockenen zu sich zu nehmen. Hier lässt es sich gut übernachten. Am Lagerschuppen klärt ein Schild auf:

Dieses Lagerhaus ist eine Kopie des Lagerhauses beim Haltepunkt Ravning. Das ursprüngliche Lagerhaus stand dichter bei den Schienen und östlich vom Stationsgebäude. Das Haus wurde als Lager für Stückgut verwendet, das mit der Bahn angeliefert wurde, hauptsächlich vom Bahnhof Vejle aus. Vom Haltepunkt Ravning aus wurden meistens landwirtschaftliche Produkte versandt. Jährlich kamen ca. 175 Güterwagen nach Ravning.

Das Lagerhaus steht allen Besuchern des Haltepunktes Ravning offen. Ist das Wetter stürmisch oder regnet es, kannst du dein Butterbrotpaket und deinen Kaffee unter'm Dach zu dir nehmen und Kraft für die Tour weiter durch das Tal der Vejle Å sammeln.

Ich möchte aber heute nicht weiter durch das Tal der Vejle Å, sondern hier bleiben. Es ist 15 Uhr, ich bin wirklich erschöpft und habe doch nur 55 km gefahren. Es muss heiß gewesen sein heute. Das Zelt steht, ich bin der einzige Übernachtungsgast hier. Auf dem Bindeballestien kommen nur wenige Radfahrer und Jogger an meiner Zeltwiese vorbei. Einige Leute kommen mit dem Auto zum Parkplatz, um sich die Brücke und die Ausstellung anzusehen.

Schulausflug ca. 1950 mit dem Schienenbus von Billund

Man muss es den Dänen einfach lassen: Sie haben ein ganz anderes Geschichtsbewusstsein als wir Deutschen, sind stolz auf ihr Land mit seiner langen Geschichte. Selbst die relativ junge und kurze Geschichte der Eisenbahnlinie durch dieses schöne Tal wird hier und in Bindeballe Station liebevoll aufgearbeitet und präsentiert. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der solche Ausstellungen zugänglich sind und nicht zerstört oder verschandelt werden, ist beeindruckend.

Und welche Forst- oder Umweltbehörde in Deutschland käme schon auf die Idee, einfache Zeltplätze für Wanderer und Radfahrer herzurichten, gratis anzubieten, die Übernachtungsgäste auf einem Schild freundlich willkommen zu heißen und noch dazu alle diese Plätze auf einer eigenen Internet-Seite öffentlich zu machen? Das gibt es wohl leider nur in Skandinavien.

Die Vejle Å bei Ravning Bro

Ich packe meine Küchenutensilien aus und mache mich an's Abendessen: Bratkartoffeln mit Speck, dazu ein im Bach gekühltes Fläschchen Bier. Nebenan blöken ab und zu die Schafe, das Wasser plätschert, und die Vögel singen. Nichts stört diese Idylle, mir geht es richtig gut. So muss das sein!

Die Wolken haben sich wieder gelichtet, es ist frisch geworden. Zum Abschluss des Tages laufe ich vom Rest der alten Brücke bis hinunter zum Fluss. Der fließt ruhig und gleichmäßig vor sich hin, als wolle er mir sagen:

Zeit für Nachtruhe.

 
Weiter zur Seite Mittwoch: Von Ravning nach Lundum