Von Ravning nach Lundum

Durch das Tal der Vejle Å führt der Radweg bis in die Stadt, es geht weiter östlich am Vejle Fjord entlang, hinter Schloss Tirsbæk nördlich nach Horsens und von dort Richtung Nordost bis Lundum.

Mittwoch, 22.06.2005 [72 km]

Geweckt werde ich gegen 7 Uhr von den blökenden Schafen, die auf den Wiesen zwischen den benachbarten Fischteichen weiden. Da kann man doch nicht böse sein! Die Nacht war sehr ruhig, wenn auch ungewohnt im neuen Zelt mit der kurzen Isomatte. Im Toilettengebäude der Ravning Station gibt es sogar warmes Wasser, welch ein Luxus. Leider wird es heute nichts mit einem frühen Start in den Tag. Ich kann machen, was ich will: Zwei Stunden mit Frühstück vergehen mindestens, bis ich alles eingepackt habe und wieder in die Pedalen treten kann.

Um halb zehn fahre ich los, das Wetter ist Spitzenklasse. Die Wolken sind nur ganz klein, es wird angenehem warm, und der Wind verhindert, dass es zu warm wird. Unglaublich: Ich habe sogar Rückenwind! Ab Ravning ist die Strecke asphaltiert, das Rad läuft fast von allein. Es geht weiter durch das schöne Tal der Vejle Å.

Das schöne Tal der Vejle Å

Bei Vingsted weist mir ein Schild Jernalder Miløet den Weg zur Vingsted Historiske Værksted, einem Eisenzeit-Dorf, das die Dänen hier nachgebaut haben.

Eisenzeitdorf in Vingsted

Bewundernswert, wie lebendig Geschichte hier praktiziert wird. Das Dorf ist in Original-Bauweise aufgebaut worden, und es wird laufend erweitert. Aber nicht von irgendwelchen Fachleuten, sondern vom Volk!

Eisenzeitdorf in Vingsted

Ich sehe Familien, die sich hier für einen oder ein paar Tage aktiv einbringen: Unter der Anleitung des Teams bauen sie mit an einem neuen Haus: Der Vater mischt Lehm, Sand, Wasser (und etwas Zement) mit einer abenteurlichen Schüppe; Mutter und Kinder verputzen damit das Weidengeflecht der Hauswand.

Als ich wieder gehe, begegnet mir eine ganze Schulklasse. Die Teenies schleppen Schlafsäcke und Isomatten und ziehen im Haupthaus ein, offenbar eine Projektwoche. Dieses Erlebnis werden sie garantiert nicht vergessen oder blöd finden.

Bindeballestien

Auf dem Weg nach Vejle entdecke ich eine neue Errungenschaft der Verkehrssicherheit: Vor gefährlichen Stellen werden gedankenverlorene Radfahrer durch Querstreifen auf der Fahrbahn "geweckt".

Unterwegs lockt noch ein schönes Plätzchen am Ufer der Vejle Å, aber ich bleibe nur auf einen Apfel als zweites Frühstück. Ich möchte heute noch den Bryrupbanestien von Horsens in Richtung Silkeborg erreichen, und wer weiß, was mich unterwegs noch aufhält.

Eine weise Voraussicht, denn kaum habe ich Vejle hinter mir gelassen (irgendwie ziehen mich größere Städte nicht an), da lädt eine Bank am Vejle Fjord zur Rast im Sonnenschein ein. Der Wind ist jetzt richtig heftig geworden, und er kommt immer noch von hinten. Ich fahre jetzt auf der Route 53, dem Bjerrelidestien, der noch ein Stück gemeinsam mit der nationalen Radroute 5 verläuft.

Schloss Tirsbæk

In Bredeballestrand ist Badesaison. Im örtlichen Spar-Markt decke ich mich mit dem Nötigsten ein: 1 l Milch, 2 Brötchen, 1 Flasche Tuborg grøn. Das reicht zusammen mit den anderen Vorräten für eine vorzügliche Frokost-Mahlzeit, die ich mir am Picknick-Tisch beim Tirsbæk Strand gönne, während ich den Kleinen in der Segelschule entzückt zuschaue. Die Anlegemanöver klappen trotz Starkwind schon ziemlich gut.

Sommerhaus am Vejle Fjord

Schloss Tirsbæk gibt sich vornehm zurückhaltend: Der Radweg macht einen Bogen darum herum und schickt mich eine stramme Steigung hoch, dass ich absteigen und schieben muss. Der Weg führt jetzt durch Wald, vereinzelt kann man Häuser am Vejle Fjord erkennen. Was nicht erst bei näherem Hinsehen auffällt: Die Menschen, die hier wohnen, sind nicht gerade "soziale Notfälle". Doch es gibt auch kleine Sommerhäuschen direkt am Wasser, die hübsch und bescheiden daliegen.

Bjerre Mølle

Als ich auf einem Schild lese, dass es verboten sei, den Weg zu verlassen, weiß ich: Es ist kein Privileg, hier zu wohnen. Nein, es ist viel mehr eine Gnade, dass Leute wie ich hier überhaupt durchgelassen werden.

Die Gegend hier ist wirklich alles andere als flach. Der Bjerrelidestigen hat seinen Namen von der über 120 m hohen Erhebung südlich von Horsens, und das hat wohl die Planer bei der Streckenführung inspiriert: Eine beschauliche Gegend, wenig Autoverkehr, aber rauf und runter, rauf und runter...

Kurz vor der Bjerreliden-Anhöhe komme ich an der Bjerre Mølle vorbei. Die Mühle kann natürlich besichtigt werden, die Tür steht offen.

Radroute 5/53 am Horsens Fjord

Vor Horsens trifft die Route 53 wieder auf die nationale Route 5. Hier befindet sich Boller Slot. Das Schloss dient heute als Altenheim, der Park enthält eine botanische Sammlung. Von Boller Slot bis nach Horsens führt die Radroute auf einer eigenen Trasse am Horsens Fjord entlang. Die Sonne scheint, das Wasser glitzert, und nun ist es soweit: Der Wind kommt von vorn! Ich schalte herunter und komme doch auf der sonst einfachen Strecke nur schwer voran.

In Horsens führt der Radweg umständlich um die Stadt herum. Es mag ja sein, dass ich so die Schönheiten der Stadt entdecken kann - ich entscheide mich für die wenig beschauliche kurze Strecke und gerate in den Feierabendverkehr von Horsens. Dann, nach einer Bergfahrt über die Eisanbahnbrücke, zweigt die Route 32 plötzlich von der Straße ab und führt auf einem Kiesweg durch eine joggerverdächtige Parklandschaft. Wiesen, Tische und Bänke laden zur Pause ein. Ich muss aber noch einkaufen und habe dazu auf den Supermarkt von Lund gesetzt.

Bryrupbanestien in Horsens

Dazu muss ich in Horsens die Route 31, den Bryrupbanestien erreichen. Zum Glück habe ich mir die Radfahrer-Infotafel am Ortseingang genau eingeprägt - wer sich im Stadtgebiet von Horsens auf die in Dänemark sonst sehr gute Beschilderung der Radrouten verlässt, hat ein Problem.

Etwa 400 m nördlich der Straßenkreuzung Skanderborgvej/Silkeborgvej beginnt die Radroute auf der ehemaligen Bahntrasse. Sofort sind Lärm und Staub der Stadt verschwunden, Ruhe und Grün bestimmen das Bild. Hinter der nächsten Biegung wartet eine Überraschung: Ein riesiges Golfgelände einschließlich Trainingscamp erstreckt sich, soweit das Auge reicht.

Übernachtungsplatz Lundum Skov

Der Radweg weicht der Autobahn aus und erreicht erst wieder in Lund die alte Eisenbahntrasse. Hier kaufe ich ein und mache mich auf den Weg nach Lundum Skov, wo ich heute übernachten will. Der Platz ist einfach Klasse: Drei Blockhäuser (so niedrig, dass man nicht darin stehen kann) sind vorn offen und bieten jeweils sechs Personen Schutz vor Wind und Wetter. Eine Feuerstelle, ein Wasserhahn und eine Toilette ergänzen die Ausstattung. Übernachtung natürlich gratis!

Als ich mein Abendessen zubereite, kommt eine Familie mit Kindern auf den Platz. Sie haben Schlafsäcke und Isomatten dabei, wollen Snobrød backen und hier eine Nacht bleiben. Wir unterhalten uns beim Tee, bis es Zeit wird, um den Schlafsack aufzusuchen.

 
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