Von Lundum nach Mariendal

Auf den Bryrupbanestien nach Nordwesten über Østbirk und Brædstrup bis Bryrup. Nach einer Stippvisite am Bahnhof der Oldtimerbahn Bryrup–Vrads ein erfrischendes Bad im Bryrup Sø, dann geht es wieder Richtung Ostsee.

Donnerstag, 23.06.2005 [91 km]

In der Nacht ist es gar nicht so richtig dunkel geworden. Jedenfalls bin ich gegen halb drei kurz wach geworden und habe vom Schlafsack aus draußen Tisch und Bänke im Dämmerlicht sehen können. Während ich später frühstücke, verabschiedet sich schon die dänische Familie. Es ist 9.15 Uhr, als ich meine Sachen fertig gepackt habe und aufbreche.

Am Bryrupbanestien

Auf dem Bryrupbanestien geht es weiter nach Nordwesten. Die Landschaft ist hier wirklich abwechslungsreich. Die Strecke führt durch Wald, Wiesen und Getreidefelder. Ohne starke Steigung, aber stetig leicht bergauf geht es über Østbirk und Vestbirk Richtung Brædstrup. Die glitzernden Seen der Gudenå bei Vestbirk locken zum Bad, der Klatschmohn blüht im Sonnenschein. Unterwegs lese ich auf einer Infotafel am früheren Bahnhof Tønning eine Geschichte der beiden Orte Tønning und Træden (siehe Kasten).


Tønning und Træden

Einer alten Sage nach waren einmal zwei Schwestern, von denen die eine Tønning und die andere Træden besaß. Sie kamen überein, sich zwei Kirchen zu bauen, und wenn man aus der Kirche käme, könne man sich gegenseitig grüßen. Aber als sie sich später verfeindeten, ließen sie die Türen zumauern - den Fraueneingang Richtung Norden in Træden und den Männereingang Richtung Süden in Tønning. Man kann noch Spuren der zugemauerten Türen sehen.


In Brædstrup führt der Radweg an einem Park entlang und endet unvermittelt kurz vor der Straße in tiefem Kies. Ich bin etwas zu schnell unterwegs und habe Mühe, das Rad zu halten und nicht zu stürzen. Auch eine Art von Verkehrsberuhigung! Hier kann wirklich niemand versehentlich vom Radweg auf die Straße brausen.

Ich biege um die nächste Ecke und erblicke das Objekt der Begierde: Eine Bäckerei! Ich erstehe eine leckere Smørsnegle (Butterschnecke) mit dickem Zuckerguss. Beim Verlassen des Bäckerladens entdecke ich gegenüber einen Schlecker-Markt - die sind wohl auch überall! Die Supermarktkette Rema 1000 kenne ich aus Norwegen als preisgünstige Einkaufsquelle, so ist es auch in Dänemark. Aus hohen Stahlregalen stelle ich meine Tagesration Lebensmittel zusammen und fahre schließlich weiter Richtung Bryrup.

Übernachtungsplatz Halm Hytten

Am Ortsausgang von Brædstrup entdecke ich den Übernachtungsplatz Halm Hytten (Die Strohhütte). Der Platz ist ungewöhnlich, denn er ist für alle gemacht, die eine Rast brauchen: Leute auf Beinen, Fahrrädern, Pferden, Rollschuhen, Rollstühlen - alle sind willkommen zu einer Übernachtung, zur Toilettenbenutzung oder einfach um einen Schluck Wasser zu trinken.

Die Strohhütte: Die große, weiße Übernachtungshütte wurde aus normalen Strohballen und einem Gerüst aus Holzpfählen gebaut. Nachdem die Pfähle und Sparren errichtet waren, wurden die Strohballen zwischen die Pfosten eingefügt und mit Hühnerdraht abgedeckt. Danach wurden die Strohballen mit dünnem Mörtel bespritzt, der als Brandschutz tief eindrang. Zum Schluss wurde das Haus mit Mörtel verputzt.

Behindertenfreundlich: Der Platz wurde so eingerichtet, dass Behinderte auch die Möglichkeit haben, ihn zu benutzen. Vor zwei Übernachtungsräumen wurde das Terrain angehoben, so dass auch Rollstühle direkt in die Hütte fahren können. Das Gleiche gilt für die "Umwelttoilette", zu der Rollstühle leichten Zugang haben. An den Tischen kann ein Rollstuhl platziert werden, und im Sitzkreis um die Feuerstelle wurde eine Lücke gelassen, in der Rollstühle dicht ans Feuer kommen können. Schließlich können Elektro-Rollstühle an der Solartankstelle während der Übernachtung wieder aufgeladen werden.

Umweltfreundlich: Bei der Anlage des Platzes stand die Umwelt im Vordergrund. der Großteil der Materialien ist kompostierbar, wenn der Platz in vielen Jahren abgerissen wird. Beispielsweise sind die eingegrabenen Pfosten nicht imprägniert, aber in Muschelschalen gebettet, die das Wasser ableiten, damit die Pfosten nicht faulen. Der tägliche Betrieb benötigt nur begrenzte Ressourcen: Z. B. wird für die "Umwelttoilette" kein Grundwasser benötigt. Die Toilettenabwässer werden in einem großen Erdtank zusammen mit dem Überschuss-Wasser von der Wasserstelle gesammelt. Von hier werden sie direkt in die Pflanzenkläranlage gleich hinter dem Toilettengebäude gepumpt. Die elektrische Pumpe wird von einer Solarzellenanlage auf dem Dach des Hauses gespeist. Die Solarzellen laden auch bei bedecktem Wetter große Batterien auf, so dass immer genug Strom sowohl für die Pumpe als auch das Aufladen der Rollstühle vorhanden ist.

Pferdefreundlich: Reiter, die Halm Hytten besuchen, haben die Möglichkeit, ihre Pferde auf einer eigenen elektroumzäunten Weide einzustellen.

Die Strecke fällt jetzt leicht, es geht fast ohne Zutun mit über 20 km/h durch die sonnige Landschaft. In Bryrup glitzert unterhalb des Radweges das Wasser des Langsø einladend. Doch der See scheint unerreichbar, denn es führen nur steile Treppen den alten Bahndamm hinab. Also fahre ich weiter geradeaus nach Bryrup hinein.

Schild an der Bäckerei in Bryrup

Mein Blick fällt auf die Bäckerei, und ich bin froh, mich bereits in Brædstrup mit Backwaren versorgt zu haben. Am Fenster prangt ein Schild:
Das Geschäft bleibt bis auf weiteres auf Grund einer Explosion in der Bäckerei geschlossen
Na, da bin ich aber froh, dass mir die letzte Zuckerschnecke nicht in der Hand detoniert ist...

Zwischen Bryrup und Vrads ist die alte Bahnstrecke erhalten geblieben. Hier verkehrt am Wochenende (im Juli auch täglich) eine der grössten Attraktionen von Bryrup, die Veteranbanen: Die kürzeste, aber schönste Bahnfahrt Dänemarks. Auf der Fahrt von etwa 5 km fährt man an Kvindsø, Kulsø und Snabe Igelsø vorbei. Anschließend kann man im Restaurant im ehemaligen Bahnhofsgebäude in Vrads eine geruhsame Mahlzeit oder eine Tasse Kaffee geniessen.

Oldtimer-Bahnhof in Bryrup

Ein kleiner Junge sieht mir beim Fotografieren zu und erzählt mir auf dänisch mit Stolz geschwellter Brust, dass er direkt hier im Haus wohne und jederzeit freie Fahrt auf der Oldtimerbahn habe, helt uden betale!. Ein netter kleiner Glückspilz...

Ich entscheide mich, die Tour an dieser Stelle nicht weiter in Richtung Silkeborg fortzusetzen, obwohl ich mit wirklich schöner Landschaft auf dem weiteren Weg rechnen kann. Wenn ich am Sonntag in Kopenhagen ankommen will, muss ich spätestens übermorgen Århus erreichen, um mit der Fähre nach Sjælland überzusetzen. Also kehre ich um, will in Richtung Mossø und Skanderborg weiter. Ein Wegweiser mitten in Bryrup zeigt die Fahrradroute Richtung Horsens an. Ich folge der Straße, verpasse aber den richtigen Abzweig und sehe kurz darauf das Straßenschild Søvej. Na, wenn die Straße so heißt, dann wird sie auch dahin führen. Ich rolle den Søvej hinunter. Werde ich in einer Sackgasse zwischen all den Privathäusern landen?

Bryrup Langsø

Ich treffe auf einen Parkplatz, eine Uferwiese und eine freundliche Einladung auf dem Schild:

Willkommen im öffentlichen Aufenthaltsareal beim Bryrup Langsø! Du bist willkommen, dich in dem öffentlichen Gebiet aufzuhalten... Man kann am Seeufer entsprechend der Beschilderung baden und angeln.

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen! An den Wiesen ganz kleine sandige Buchten zwischen den ins Wasser hinaus wachsenden Uferpflanzen. Picknicktische stehen einladend da, und für das Fahrrad bieten die Birken ein schattiges Parkplätzchen. Keine Menschenseele ist an diesem wunderschönen Fleck zu sehen, nur irgendwo in der Nachbarschaft ist ein Rasenmäher bei der Arbeit.

Ich nehme ein erfrischendes Bad im See und schwimme eine Runde. Anschließend verspeise ich die Smørsnegle aus Brædstrup mit Genuss. Die Sonne scheint immer wärmer, das sieht wohl nicht nach einem längeren Nickerchen auf der Wiese aus.

Erfrischt und gestärkt mache ich mich auf den Weg zurück nach Vinding. Die Strecke steigt doch mächtig an - die Dampfloks hatten es auch nicht leicht! Ich fühle mich in der Mittagshitze auch wie eine Dampflok. In Vinding folge ich der nationalen Radroute 4 Richtung Nordosten. Vor Addit führt eine stramme Steigung über eine Anhöhe mit weithin sichtbaren Hügeln: Ottehøje.

Ottehøje

Ottehøje sind Grabhügel aus der Vorzeit, die noch nicht vor Archäologen ausgegraben wurden, und man weiß deshalb nicht mit Sicherheit, wie alt sie sind. Sie stammen wahrscheinlich aus der frühen Bronzezeit vor 3.000 bis 3.800 Jahren. Grabhügel aus der Bronzezeit wie Ottehøje liegen oft in Gruppen hoch im Gelände.

Grabbräuche: Der Tote wurde in einem Sarg aus einem ausgehöhlten Baumstamm oder flachen Steinplatten gelegt, bekleidet mit seinem Zeug und in Tuch oder Fell eingewickelt. Unter glücklichen Umständen ist die Kleidung bis heute erhalten geblieben.
In den Sarg legte man die Habseligkeiten des Toten - eine Frau bekam ihren Bronzeschmuck und vielleicht einen Kamm mit, ein Mann bekam seine Waffen und z. B. ein Rasiermesser aus Bronze. Außerdem legte man einen Behälter mit Speisen und Getränken zu dem Toten.

Ottehøje

Im Laufe der Bronzezeit und mitunter in der Eisenzeit wurden die Hügel durchaus verschiedene Male für neue Begräbnisse benutzt. Sie waren wahrscheinlich als Familiengrabstätten generationenlang im Gebrauch. Nur sechs der ursprünglich acht Grabhügel (Ottehøje heißt übersetzt Acht Hügel) sind erhalten geblieben. Die übrigen wurden - wie die meisten dänischen Grabhügel - zur landwirtschaftlichen Nutzung abgetragen.

Kongens Høj bei Addit

Nach einer kurzen Pause geht es weiter nach Addit, wo der mächtige Grabhügel Kongens Høj weithin sichtbar ist. Den Abstecher zur Kirche von Sønder Vissing, wo zwei Runensteine aus der Wikingerzeit zu sehen sind, lasse ich ausfallen und folge der Route 4 weiter Richtung Vissingkloster. Die Strecke führt bald an einer großen Sandgrube vorbei, die von vielen Lastwagen angesteuert wird.

Ab Vissingkloster nehme ich auf die Radroute 51 Richtung Osten, um am größten See Jütlands, dem Mossø entlang zu fahren. Hier hoffe ich auch auf eine weitere Möglichkeit, ein Bad im See zu nehmen. Wenn ich doch vorher nur genauer hingesehen hätte! Für Radfahrer ein herausforderndes und etwas anstrengendes Gelände südlich vom See Mossø, lese ich später im Textteil der Fahrradkarte Radrouten im Kreis Vejle.

Vissingkloster

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier im Grenzbereich der Zuständigkeiten zwischen dem Kreis Århus und dem Kreis Vejle das Radwegenetz im Niemandsland endet: Die sonst vorbildliche Ausschilderung hat Lücken, und auch der Fahrstreifen für Radler ist nicht mehr vorhanden. Bei Vissingkloster ist die Radroute noch beschildert, danach ist Orientierung per Karte notwendig.

Die Strecke führt auch nicht wie erwartet dicht am See entlang, sondern bergauf und bergab zunächst noch durch schattigen Wald auf der wenig befahrenen Straße nach Voerladegård. Ab hier gibt es in Richtung Skanderborg weniger Schatten, dafür aber mehr Autos.

Nach diesem anstrengenden Abschnitt würde ich gerne die Hitze des Tages bei einem Bad im Mossø abspülen, denn bei Hem Odde ist ein Campingplatz und eine öffentliche Badestelle in meiner Karte eingezeichnet. Ich finde eine repräsentative Einfahrt in das Mossø Camping Resort, die beiderseits angebrachten Campingplatz-Schilder mit Hinweisen auf die erforderliche Anmeldung schrecken mich aber eher ab.

Ich beschließe, heute bis nach Ajstrup Stand durchzufahren, wo ich Martina und Martin treffen will, die dort im Ferienhaus Urlaub machen. Der direkte Weg entlang der Autostraße Richtung Skanderborg ist für Radler wirklich unattraktiv und anstrengend. Es gibt keinen eigenen Fahrradstreifen, und viele Lastwagen sind sehr schnell unterwegs. Erst am Ortseingang von Skanderborg gibt es wieder einen Radweg. Die Stadt selbst durchquere ich auf kürzestem Wege und erlebe dabei wieder eine anstrengende Berg- und Talfahrt in der Sonne, bis ich kurz vor Stilling auf die Regionalroute 14 Richtung Ostsee einschwenke. Kühler Wald, eine ruhige Straße ohne Steigung, sehr angenehm!

Astrup bei Solbjerg

Die Route 14 biegt aber bald auf einen nicht befestigten Feldweg Richtung Virring, und noch einmal fordert eine ordentliche Steigung die Kräfte. Bei Solbjerg verlasse ich die Route und fahre über Landstraßen Richtung Ajstrup Strand. Dabei passiere ich die Ortschaft Astrup, die sich mir im typischen Dänemark-Klischee zeigt: Eine weiße Kirche, gepflegte Häuser mit einem am Mast wehenden Dannebrog, ordentlich geharkter Kies und eine verkehrsberuhigte Dorfstraße prägen das Bild.

In Ajstrup Strand erreiche ich die nationale Radroute 5, der ich in nördliche Richtung folge. Nach etwa einem Kilometer erreiche ich endlich meinen heutigen Übernachtungsplatz Mariendal.

Heute ist Sct. Hans, da feiern die Dänen das Mittsommerfest mit Feuer, Reden und Getränken. Eigentlich hatte ich erwartet oder vielmehr befürchtet, bei Mariendal auf eine lautstarke, ums Feuer tanzende Gruppe zu treffen - aber ich bin ganz alleine hier! Dänemark hat wohl ausreichend Versammlungsplätze mit Feuerstellen, da braucht man diese hier nicht.

Übernachtshütten bei Mariendal

Beim Mariendal Gård gibt es drei grasbedachte "Shelter"-Hütten, die ganz rustikal mit Stroh und Heu ausgelegt sind. Ich kann also nicht nur das Zelt eingepackt lassen, auch die Isomatte hat heute frei! Martin und Martina kommen mit dem Rad vorbei. Martina überreicht mir ein großes Magnum-Eis, das ist wirklich eine angenehme Überraschung!

Wir tratschen bei einer Tasse Tee und beobachten die Sct.-Hans-Feiernden, die mit Autos zum Feuerplatz fahren oder mit ihren lautstarken Knallert (Roller/Moped) die Gegend unsicher machen. Ich bekomme noch eine Einladung zum Frühstück im Ferienhaus, dann lege ich mich ins Stroh und schlafe bald ein. Zwischendurch vernehme ich ab und zu ein Rascheln im Stroh - vermutlich eine Maus, der es hier auch sehr gut gefällt.

 
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