Frankreich im Mai

Wilde Flüsse

Ich halte es mit Hannes Waders Heute hier, morgen dort und reise weiter Richtung Pyrenäen. Jedoch nicht ohne die Schluchten von Ardèche und Tarn besucht zu haben...

An diesem Sonntag Morgen fahre ich südlich von Sisteron auf der D946 schnurstracks Richtung Westen. In diesem Tal nördlich der Montagne de Lure bin ich fast ganz allein unterwegs und genieße den Sonnenschein.

Montagne de Lure bei Piedguichard Barret-de-Lioure

Am Col de Macuègne passiere ich die Verpflegungsstation für die Radfahrer, die sich von Montbrun-les-Bains aus hier auf 1068 m Höhe heraufquälen. Gleich darauf erreiche ich Barret-de-Lioure.

Der Ort mit 47 Einwohnern thront oben einsam auf dem Berg, von hier hat man eine phantastische Aussicht auf den Mont Ventoux und hinunter ins Tal nach Montbrun-les-Bains. Die Landschaft hier ist wirklich schön und verlockt dazu, sie weiter zu erkunden. Ich bin diesmal leider nur auf der Durchreise und muss hier wohl noch einmal herkommen...

Montbrun-les-Bains und Mont Ventoux

Das Städtchen Montbrun-les-Bains gibt sich große Mühe, gegen die Schönheit der Landschaft in Konkurrenz zu treten. Ich fahre weiter durch das schöne und ruhige Tal des Toulourenc hinunter ins Rhônetal Richtung Orange.

Montbrun-les-Bains

Dabei passiere ich Vaison-la-Romaine, ein Ort mit sehr schöner Altstadt, aber auch viel Touristenrummel. Hier im Rhônetal ist die Freude am Fahren erst einmal vorbei: Der Wind weht so heftig und in Böen, dass ich große Mühe habe, das Motorrad auf Kurs und die Gummiseite nach unten zu halten. Als ich Bollène erreiche, warnt mich die Anzeigetafel am Kreisverkehr: Vent violent - soyez prudent. Entsprechend vorsichtig überquere ich die Rhônebrücke und komme heil auf der anderen Seite in Pont-St-Esprit an.

Ardèche

Von hier sind es nur noch wenige Kilometer bis zur Ardèche, die sich schon früh durch die vielen Kajak- und Raftinganbieter ankündigt. Und tatsächlich, dieser Fluss und seine Schlucht sind genau so, wie ich mir das vorgestellt hatte: Gewaltig. Wie groß die Schlucht wirklich ist, können Fotos kaum vermitteln. Auch während ich hier oben am Aussichtspunkt stehe, geben mir erst die kleinen Kanus einen wirklichen Größenbezug: Im Foto links sind die Kanus leicht zu erkennen, im Foto unten sind das die drei Punkte im Fluss.

Ardèche

Die Strecke ist für eine Motorradtour wie gemacht, auch wenn das Tempolimit bei 60 km/h liegt. Die vielen Hinweise auf tödliche Motorradunfälle haben sicher ihre Gründe. Hier gibt es immer wieder Anlass, anzuhalten und zu schauen.

Den sensationellsten Grund für einen Stopp bietet ganz sicher der Pont d'Arc, eine natürliche Steinbrücke von 60 m Breite und 45 m Höhe. Es muss für jede Kanutour ein Höhepunkt sein, unter diesem Bogen hindurchzufahren. Die Sandbänke laden zur Rast und zum Bad ein, und unter den schattigen Bäumen lässt es sich hier im Sommer sicher auch gut aushalten.

Pont d'Arc

Der Ort Vallon-Pont-d'Arc hat im Sommer zehnmal so viele Einwohner wie im Winter. Seine touristische Bedeutung erhält er als Startpunkt für die Abfahrt durch die Ardèche-Schlucht bis hinunter nach Saint-Martin-d'Ardèche.

D998

Ich steuere jetzt als Tagesziel Florac an und will das auf Nebenstrecken versuchen. Über Barjac und St-Ambroix erreiche ich Bessèges, wo ich auf ganz kleinen, aber immerhin noch asphaltierten Straßen über Peyremale weiter nach Westen fahre.

Hier in den Cevennen wird die Gegend recht menschenleer. Die Straße D998 nach Florac windet sich in unzähligen Kurven an den grünen Berghängen entlang. Weil ich diese Landschaft genießen will, fahre ich gemütlich und halte oft an, um Ausschau zu halten. Das senkt zwar meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf 30 km/h, aber schließlich bin ich ja nicht unterwegs, um neue Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen.

D998

Nach dem Col de la Croix de Berthel führt die Strecke hinunter nach Le Pont-de-Montvert. 2 km vor dem Ort überquert man den Fluss Tarn, der hier noch als rauschender Bach fließt. Die Straße lässt sich nun zügiger befahren und folgt dem Lauf des Tarn bis hinunter nach Florac.

Kirche "Saint Saturnin" in Bédouès

Kurz vor Florac bewundere ich in Bédouès im milden Abendlicht die Kirche Saint Saturnin aus dem 12. Jahrhundert. Wenig später erreiche ich mein heutiges Tagesziel, den Campingplatz Le Pont du Tarn.

Hier ist Anfang Mai noch nicht viel Betrieb, und entsprechend ruhig ist es hier. Andere Motorradfahrer sind auch hier, wenn auch "nur" mit Wohnmobil und Motorradanhänger. Ich werde sehr freundlich begrüßt und bekomme ein kaltes Bier überreicht, welches ich gerne und dankbar annehme. Ich erfahre, dass hier heute der erste schöne Tag seit fast zwei Wochen ist und dass es bislang kein rechtes Vergnügen war. Die Einladung zum Grillabend schlage ich aber aus, weil ich nach dieser Tagestour doch recht müde bin und mich auf eine Dusche und meinen Schlafsack freue.

Aussicht beim Col de Montmirat

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und munter. Gleich nach dem Frühstück fahre ich los, es geht auf der N106 Richtung Norden. In einer der Kehren kurz vor dem Col de Montmirat halte ich an und bicke auf das Panorama Richtung Süden (Foto oben).

Ste-Énimie im Gorges du Tarn

Nach einem kurzen Abstecher nach Mende nehme ich bei Balsièges die D986 Richtung Sainte-Énimie und Gorges du Tarn. Frankreich ist so vielseitig: Auf der einsamen Hochfläche geht es auf über 1.000 m hinauf, die Landschaft hier ist ganz anders als noch wenige Kilometer zuvor. Ich bin so fasziniert, dass ich ganz vergesse, Fotos zu machen.

Mit der Fahrt hinunter gibt es schon wieder neue Eindrücke: Vor mir liegt die Tarn-Schlucht, ganz unten entdecke ich erst auf den zweiten Blick den Ort Sainte-Énimie, "eins der schönsten mittelalterlichen Dörfer Frankreichs an den Ufern des Tarn" - wie ich leider erst später lesen werde.

Sainte-Énimie

Von einer Kehre weiter unten hat man einen guten Blick auf das Städtchen, das sich hier tief ins Flusstal hineinduckt. In der Provence war mir aufgefallen, dass sich viele Orte auf oder am Berg befinden - hier scheint das Klima etwas rauer zu sein.

Mein Blick fällt auf die Uhr, es ist schon Mittag! Ich muss heute noch sehr viel weiter und lasse (auch aus Unwissenheit) eine Ortsbesichtigung ausfallen.

Straße D907 im Gorges du Tarn

Auf der D907 folge ich jetzt dem Tarn auf seinem Weg durch die Schlucht, die zwar nicht ganz so breit wie die Ardèche-Schlucht ist, dafür aber eine Straße hat. Der Bau der Straße war bestimmt eine Herausforderung für die Ingenieure.

Straße D907 im Gorges du Tarn

Immer wieder staune ich über die Streckenführung und den Aufwand, der für diese Straße betrieben werden musste. Manchal sieht es auch so aus, als ob die Vorarbeit der Natur genutzt wurde und die Auswaschungen in Kalkstein eine willkommene Hilfe für den Straßenbau waren.

Les Baumes Hautes

Oft führt die Strecke dicht an der Felswand entlang, teilweise unter weiten Überhängen. In Deutschland würden solche Felsen unter Hinweis auf die Verkehrssicherungspflicht und die Steinschlaggefahr wahrscheinlich weggesprengt...

Im Vorbeifahren erhasche ich einen Blick auf das Chateau de la Caze, das heute als Hotel betrieben wird.

Straße D907 im Gorges du Tarn

Wenige Kilometer weiter flussabwärts befindet sich auf der anderen Seite das Dörfchen Hauterive, das nicht über eine Straße erreichbar ist, sondern nur über einen kilometerlangen Fußpfad. Die Versorgung erfolgt über eine elektrische Seilwinde von der Straße aus über den Fluss. Die Bewohner parken ihre Autos an der Straße und überqueren den Tarn mit einem Boot, das an einem Stahseil über den Fluss geführt wird. Trotzdem können sie sich jedenfalls im Sommer über häufigen Besuch freuen: Hier machen viele Kanufahrer Rast.

Hauterive Im Gorges du Tarn

Auch der Ort La Malène lädt zum Verweilen ein, hier treffen sich Kanuten, Wanderer und andere Touristen. Ich entscheide mich zu einer Kaffeepause an ruhigerer Stelle, denn im Tankrucksack wartet noch die Thermoskanne auf ihren Einsatz.

Saint Hilaire am Cirque des Baumes Saint Hilaire am Cirque des Baumes

Etwas verschlafen wirkt Saint Hilaire am Cirque des Baumes. Die Stimmung hier lässt sich mit einem Foto nicht recht einfangen, das Rund der Felsen mit den Spuren des Flusses aus vergangenen Zeiten ist wirklich beeindruckend. Schade, dass der Himmel jetzt wieder bedeckt ist - wie schön muss es hier erst bei Sonnenschein sein!

Ich fahre über Le Rozier weiter Richtung Millau und lasse dabei die Touristenattraktion Chaos de Montpellier-le-Vieux ausfallen. Diese Region ist so interessant, dass man hier einen ganzen Sommerurlaub verbringen kann und ich noch einmal hierher kommen möchte. Allein der Blick auf die Landkarte mit den vielen kleinen gewundenen Straßen verlockt mich zu einer Tour, besonders natürlich mit dem Motorrad.

In Millau erwartet mich die höchste und längste Schrägseilbrücke der Welt, das Viaduc de Millau (siehe Wikipedia-Artikel). Eigentlich wollte ich über diese Brücke hinüberfahren, doch das Wetter, vor allem der immer wieder heftige böige Wind halten mich davon ab.

Viaduc de Millau

So lasse ich es bei einer Bewunderung des Bauwerks aus der Ferne und fahre auf der gebührenfreien Autobahn A75 Richtung Süden. Die Autobahn führt zunächst in etwa 800 m Höhe über die Kalk-Hochebene Causse du Larzac, bevor sie sich vom Tunnel du Pas de l'Escalette hinunter nach Lodève (130 m) herunterwindet.

Oben auf der Ebene war es noch kalt und ungemütlich, jetzt wird es mit jedem Kilometer nach Süden (und bergab) wärmer. Die Landschaft wird deutlich mediterraner, und eigentlich erwarte ich hinter jedem Hügel das Mittelmeer zu sehen. Leider taucht statt dessen nur ein überdimensionales Lidl-Schild auf...

Über Béziers und Narbonne erreiche ich am Abend mein Tagesziel Maison Las Clauzes. Hier will ich für drei Nächte zelten und von hier aus die Corbières und Pyrenäen erkunden.

 
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